Politik und Fußball

Warum Ralf Rangnicks Aussagen durchdachter sind, als sie es waren.

Politik habe im Stadion nichts verloren und man wolle sich nicht vor jeden Karren spannen lassen, sagen die einen. Die Politik lasse sich aus dem Stadion nicht fernhalten, sagen die anderen. Zu Recht weisen Letztere zwar darauf hin, dass der Versuch Politik aus dem Stadion fernzuhalten, im Kern selbst politisch ist. Nur bedeutet das nicht, dass es die falsche politische Haltung sein muss, wie ich hier zu zeigen versuche.

Die Debatte um Politik im Fußball entzündet sich in der Regel nach bedeutsamen Ereignissen wie dem von Chemnitz, wenn einige sich dazu im Stadion äußern wollen und dann von anderen Fans oder Funktionären des Vereins daran gehindert werden. Selbiges beklagten die Rasenballisten, deren Spruchbänder von der Vereinsführung häufig nicht genehmigt und die wohl gelegentlich von anderen Fans darauf hingewiesen werden, dass man sich hier im Stadion und nicht auf einer Demonstration befinde.

Wenn sich viele Menschen im Stadion versammeln, ist das Verbindende zwischen ihnen vor allem ihre Fußballbegeisterung. Ihre politischen Präferenzen sind dann ebenso unterschiedlich wie ihre Hobbys, Vorlieben und Berufe. Deshalb kommt man gerade bei längeren Auswärtsfahrten in Gesprächen immer wieder auf politische Themen, in denen sich Unterschiede offenbaren und man sich sehr schnell in Diskussionen mit Menschen findet, mit denen man ansonsten wahrscheinlich nicht ins Gespräch käme. Will man das gemeinsame Fußballerlebnis nicht zerstören, muss man die Unterschiede aushalten, zumindest das Gespräch gesittet führen. Ralf Rangnick hat demnach Recht, wenn er sagt, dass Fußball Menschen zusammenbringen und „Fronten wieder schließen“ könne, wo sich Gräben in der Gesellschaft aufgetan haben. Diese ans Militärische erinnernde Sprache ist durchaus angemessen, wenn man sich die Videos aus Chemnitz von aggressiven Rechtsextremen anschaut sowie von teilweise nicht minder gewaltbereiten Linksradikalen, die sich auf von ihnen ausgemachte Nazis, die Polizei und manchmal auch Journalisten stürzen.

Diejenigen, die mehr politische Positionierung im Stadion, von Fans, Vereinen und Verbänden fordern, betonen häufig, es gehe ihnen nicht um tagespolitische Parteinahme, sondern um eine grundsätzliche Positionierung gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Grundsätzlich ist es natürlich niemals falsch, sich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung auszusprechen (so wie es etwa die Schwabenballisten in ihrem lesenswerten Beitrag fordern). Problematisch allerdings ist, dass Positionierungen im Stadion erstens immer plakativ erfolgen. Man muss auf ein Banner oder ein Symbol zurückgreifen, um sich wirksam äußern zu können. Außerdem ist das Entscheidende, dass politische Statements immer im Zuge tagespolitischer Ereignisse erfolgen. Besonders im Fall Chemnitz zeigt sich, dass eine solche Positionierung von einer tagespolitischen Parteinahme nicht zu trennen ist.

Nach dem mutmaßlichen Mord an Daniel H. entlud sich die Wut und teilweise auch der Hass in Chemnitz von Menschen, die vor allem eines verbindet: nämlich die Ablehnung einer Politik der ungeregelten Einwanderung wie sie im Jahr 2015 für etwa ein Jahr stattfand und die politischen Koordinaten und Debatten im Land veränderten. Dass dieses Thema Rechtsextreme und Rassisten anzieht, liegt auf der Hand, genauso wie die Tatsache, dass es solche in ostdeutschen Dörfern und Städten einige mehr gibt als im Westen der Republik. Das ist kein Geheimnis, auch wenn dies gerne von Heimatschützern bestritten wird. Die Empörung über die Teilnahme von Rechten auf Demonstrationen gegen die Einwanderungspolitik führt jedoch dazu, dass über diese nicht mehr gesprochen werden kann, ohne dass der Vorwurf im Raum steht, man mache sich mit eben jenen gemein. Die Empörung ist zuweilen derart moralisch aufgeladen, dass nur noch zwischen „Gutmenschen“ und „Dunkeldeutschen“ unterschieden wird.

Der Versuch nach einem tragischen Ereignis wie dem Mord an Daniel H. oder in anderen Fällen auch über die Herkunft des Täters, seine Sozialisation im Herkunftsland, seine Einwanderungsgeschichte und damit vor allem über Ursachen der Tat sprechen zu wollen, wird als bösartige Instrumentalisierung denunziert. Dabei ist eine Debatte über bedeutsame Ereignisse immer der Ausgangspunkt für Überlegungen, ob und welche Konsequenzen daraus gezogen werden müssten, um in Zukunft eine Veränderung herbeizuführen. Bei Eisenbahnunglücken oder Unfällen im Betrieb ist das eine Selbstverständlichkeit. Eine sachliche Debatte über die Einwanderung, ihre Folgen und den richtigen Umgang damit, wären nach dem Mord in Chemnitz genauso angemessen wie schon nach dem Attentat auf den Weihnachtsmarkt oder dem Messerangriff im Regionalzug bei Würzburg im Jahr 2016, den auch meine Schwester auf dem Weg zur Arbeit täglich benutzt.

Leider sind diese Debatten momentan häufig überlagert von moralischen Invektiven und Empörungswellen, sodass sie kaum stattfinden. Das geht bis zum Verächtlichmachen der vermeintlich zu integrierenden Ostdeutschen, die man zuweilen für gefährlicher und reaktionärer hält als den schlimmsten Islamisten. Gerade von Ostdeutschen wird eine Anpassungsleistung gefordert, die diese aus nachvollziehbaren Gründen verweigern. Dass sich dabei mitunter auch Rechtsextreme befinden, macht das Angesprochene nicht ungültig, sondern nur verfahrener. Pegida entstand, als Islamisten und Kurden in Dresden aufeinander losgingen. Ein Problem, das bis dato nicht offen und ernsthaft diskutiert wird. Aus Angst vor Beifall aus den falschen Reihen, wird das unterdrückt.

Wenn in dieser Situation, wie sie nach den Vorfällen in Chemnitz, die hier nur als Beispiel dienen, eine Positionierung gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit stattfindet, dann reiht sie sich unweigerlich ein in die stattfindende Empörungswelle. Sie erreicht damit ihr Gegenteil, denn sie gerinnt zur Selbstvergewisserung der ohnehin schon Empörten beiderseits. Die einen werden darin bestätigt, dass der Mord an einem Deutschen nichts zähle, weil er nicht wahrgenommen werde und lehnen die Positionierung ab. Die anderen erkennen in dieser Ablehnung die Bestätigung für einen gefährlichen Rechtsruck, den sie nun umso verbissener bekämpfen müssten.

Die Aussagen von Ralf Rangnick sind meines Erachtens durchdachter als sie erscheinen, da es nicht nur darum geht, nicht noch mehr spalten zu wollen. Er will sich aus einer Parteinahme in der aktuellen Diskussion um Chemnitz heraushalten, in der man momentan nur für oder gegen #wirsindmehr sein kann. Freilich kann man sich schlecht auf die Seite von Pro Chemnitz schlagen, die Rechtsextreme in ihren Reihen dulden. Man kann sich aber auch nicht auf die Seite von #wirsindmehr schlagen, weil die jede Diskussion um den Mord und mögliche Ursachen durch ihr Empörungsgeschrei überlagern. Gegen die plakative Positionierung auf einer der beiden Seiten des Grabens kann Rangnick als Sportdirektor eines Rasenballsportvereins nur das verbindende Element des Fußballs einbringen. Möglicherweise werden auf einer Auswärtsfahrt oder im Fantreff die Debatten sachlicher geführt, die Argumente des Gegenübers angehört und zur Kenntnis genommen und damit dazu beigetragen, dass die Empörung hoffentlich in Zukunft einer besonnenen Sachlichkeit weicht.

Auch ich würde es gerne sehen, dass der Verein z.B. das Theaterstück „Juller“ öffentlich unterstützte, weil es einen bedeutsamen Teil deutscher Geschichte behandelt, der bisher unbeachtet blieb. Sich in der jetzigen Debatte allerdings für oder gegen #wirsindmehr zu bekennen, ist weder hilfreich, noch sinnvoll. Da tut Ralf Rangnick gut daran, das den üblichen selbstgerechten Schreihälsen zu überlassen.

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