Den zweiten Schritt nicht vor dem ersten

Da stehen sie: in schwarzen T-Shirts, mit Bauchtaschen und verschränkten Armen, wohl um der Aussage auf dem Spruchband mehr Nachdruck zu verleihen, soll heißen: „Wir meinen es ernst!“. Im üblichen parolenhaften Sprachgebrauch soll die Politik wahlweise „gefickt“ oder „verdammt“ werden.

Screenshot_20181007-092032

Der aufmerksame Beobachter weiß bereits, dass sich die Gruppe gegen Politik im Stadion einsetzt. Ihre Entschlossenheit bringen L.E. United zum Ausdruck mit der bei linken und rechten Sprachautisten gleichermaßen beliebten Verwendung des englischen Fluches. Dieser findet sich heutzutage oft in verstümmelter Form auf Aufklebern und T-Shirts. Die weggelassenen Vokale stehen dabei sinnbildlich für verweigertes Denken. Eine Aussage, die ihre Kraft nicht durch eine Argumentation, sondern durch die Häufigkeit der geklebten Sticker oder die Breite der Brust auf dem T-Shirt erhält.

FCK alles-1

Durch die Verwendung des englischen Begriffs politics erhält die Botschaft von L.E. United einen antidemokratischen Unterton: politics werden nämlich die politischen Vorgänge in der Politik, also Wahlen, Abstimmungen, öffentliche Meinungsbildung, etc. genannt, während policy die politischen Inhalte meint. Nun muss man das ohne Politikstudium nicht unbedingt wissen, es verleiht der Aktion allerdings ein unbeabsichtigtes Geschmäckle.

Was sie mit ihrem Foto auf den Treppen erreichen wollen, ist im Grunde schleierhaft. Wollen sie Ralf Rangnick den Rücken stärken? Geht es ihnen um eine Botschaft an die anderen Stadionbesucher? Oder wollen sie ihnen unliebsame Gruppen wie die Red Aces und Rasenballisten provozieren? In den Kommentarspalten auf Facebook folgte jedenfalls der übliche Schlagabtausch.

Dem Verein dürfte die Aktion letztlich weniger gefallen, da eine Gruppe schwarz gekleideter Männer, die die Politik oder politische Debatten „ficken“ wollen, nicht gerade familienfreundlich wirkt. Ihr Foto könnte sich also als Bumerang erweisen. Sie standen ja bereits einmal unter Beobachtung von Seiten des Vereins. Vielleicht täte L.E. United gut daran, sich einen cleveren Imageberater zuzulegen.

Eine Zusammenfassung der Ereignisse gibt es hier.

Letzteren brauchen die im Aktionsbündnis Rasenballfans gegen Rassismus beteiligten Gruppen nicht. Schließlich befinden sie sich im wissenden Einverständnis mit der gesellschaftlichen Mehrheit, auch wenn sie gegenteiliges behaupten. Das Außenseitertum zu pflegen ist sowohl für das Selbstbewusstsein wie auch für die zur Schau gestellte Empörung notwendig.

Mit Regenbogenfahnen, die grundsätzlich freundlicher wirken als schwarze Outfits, posiert man für einen bunten Sport. Freundlicher wirkt außerdem, dass bei dieser Aktion Frauen und Kinder dabei sind und nicht nur breitschultrige, grimmig dreinblickende Männer.

Screenshot_20181007-092241

Der Schritt zurück, den man offenbar nicht gehen will, wird so fest behauptet, dass man den Schritt selbst einfach zum Subjekt erklärt. Nun kann der Mensch keinen Schritt tun ohne seinen Willen, etwas, das man gemeinhin als Bewusstsein zu bezeichnen sich geeinigt hat und das den Menschen zum Subjekt macht. Eben dieses Bewusstsein scheint bei den beteiligten Menschen aber der Empörung gewichen über die Kraftmeierei von L.E. United. Deren verschränkte Arme scheinen eine massive Bedrohung für alle Schwulen, Lesben und Menschen mit Migrationshintergrund im Stadion zu sein. Darum wird sinnwidrig der Schritt selbst zum Subjekt gemacht, den eigentlich nur Menschen mit einem Bewusstsein gehen oder verweigern können. „Wir weichen keinen Schritt zurück!“ müsste es also sinnvollerweise heißen.

Die Reaktion des Aktionsbündnisses ist insofern prospektiv. Man will dagegenhalten und signalisieren, dass man auch in Zukunft gegen Rassismus und Homophobie im Stadion eintritt. Prospektiv deshalb, weil es bisher zu keinen dokumentierten rassistischen oder diskriminierenden Vorfällen im gesamten Stadion gekommen ist. Das heißt nicht, dass der Eine oder Andere nicht wohlmöglich rassistische oder homophobe Sprüche bereit hielte. Aber Affenlaute, Ausgrenzungen und Einschüchterungen von Menschen sind im Stadion bisher nicht dokumentiert.

Das hängt auch damit zusammen, dass Nationalismus, Rassismus und Homophobie gesellschaftlich geächtet sind. Die NPD ist in der Bedeutungslosigkeit versunken und die großen Parteien betonen regelmäßig, dass sie sich gegen die genannten Diskriminierungsformen aussprechen. Für die Parteien zählt dabei natürlich das Image Deutschlands, das man nicht beflecken will. Für alle anderen und für den Profifußball insbesondere gilt, dass Nationalismus, Rassismus und Homophobie geschäftsschädigend sind. Man ist schließlich auf den Austausch von Fachkräften, also Spielern, angewiesen. Und die sollen sich ja wohl fühlen und nicht ausgegrenzt oder gar angefeindet werden.

Linke, denen es sehr um Aufrichtigkeit und Authentizität zu tun ist, durchschauen das natürlich. Für sie ist die Furcht vor geschäftsschädigendem Verhalten keine ehrlich gemeinte Haltung. Die Ablehung der genannten Einstellungen muss in Fleisch und Blut übergegangen sein. Daher gehen sie als ehrenamtliche Avantgarde stets voran, wenn sie irgendwo anrüchiges Verhalten wittern. Weil mittlerweile die Regierung selbst dem Rechtsextremismus den Kampf ansagt, müssen sie als Avantgarde immer schneller und feinfühliger im Aufspüren von rückwärtsgewandten Äußerungen sein. Je fragiler der Beweis für ein mögliches Fehlverhalten dabei ist, desto empörter positionieren sie sich. Man müsse sich den Anfängen erwehren, heißt es dann oft.

Darum werden auch in Zukunft die Empörungswellen nicht abebben. Freilich spricht nichts dagegen, sich jederzeit gegen die Diskriminierung von Mitmenschen einzusetzen. Problematisch wird es aber, wenn dieses Engagement lediglich der eigenen Selbstbehauptung dient und zudem den Blick für die tatsächlichen Probleme in der Gesellschaft verstellt. Die Empörungswellen überlagern das Denken und Diskutieren über gesellschaftliche Missstände. Für Letzteres müsste man aber das Bewusstsein an die Stelle des Schritts rücken – nicht nur in grammatischer Hinsicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s