Meet the Bhoys

Die Begegnung mit dem Celtic FC aus Glasgow ist nicht nur aus sportlicher Sicht ein Ereignis. Die Stadt und der Verein, der von irischen Einwanderern gegründet wurde, können mit erstaunlich vielen Bezügen zu Leipzig und seinem Rasenballsportverein aufwarten. Auch die Fans der Bhoys üben eine enorme Anziehungskraft weltweit aus.

Die Stadt hat aktuell drei Fußballvereine in den oberen schottischen Ligen. Die zwei bekanntesten – Celtic und Rangers – sind ein Brennglas der britischen Geschichte. Der dritte Verein Partick Thistle spielt in der zweiten Liga.

Glasgow hat viele Namen. Ihr gälischer Name Glaschu bedeutet: grünes Tal (engl.: Green Glen). Die Bezeichnung Second City of the Empire unterstreicht, welch enorme Bedeutung die Stadt für das Vereinigte Königreich einst hatte.

Die zahlreichen grünen Täler Schottlands und die vielen kleinen Flüsse sind ein einzigartiges Reservoir für die Herstellung des weltweit besten Wasser des Lebens, dem Whisky – das dahin genuschelte uisge beatha (gälisch für Wasser des Lebens) soll der Vorgänger des heutigen Whiskys sein.

Whisky

Bereits die Römer siedelten in dem Tal, in dem heute Glasgow liegt. Gegründet wurde die Stadt Glasgow aber durch einen Bischof. Er vollbrachte damit das Wunder, das im Stadtwappen verewigt ist und dessen aktuelle Gestalt alle Auswärtsfahrer am 8. November besichtigen können.

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Let Glasgow flourish“ sprach’s der Bischof, und sie erblühte.

Vor allem durch Immigration wuchs die Stadt um 1800 auf 150.000 Einwohner. Ein großer Teil der Zuwanderer waren Iren, die in der wachsenden Textilfabrikation Arbeit suchten. Allerdings verursachte der enorme Zuwachs der Bevölkerung Armut, Krankheiten und Unruhe in der Bevölkerung. Nicht wenige starben an Pocken oder an Typhus- und Choleraepidemien.

1820 kam es zum Radical War. Inspiriert von den Ideen der französischen Revolution forderte die Bevölkerung mehr Repräsentation im britischen Parlament. Der Anlass waren festgesetzte Preise für Getreide und Brot, die für teure Nahrungsmittel und schlechte Arbeitsbedingungen bei den Bauern sorgten. Wurde der Aufstand zunächst blutig niedergeschlagen, erhielt die Stadt im Jahr 1832 ihren eigenen MP, ein Mitglied britischen Parlament.

Interessant dabei ist, dass die Menschen von Glasgow erfolgreich waren, weil sie

  1. ihre Hartnäckigkeit in einer ganzen Welle von Streiks unter Beweis stellten – was auch der Name Radicals bezeugt – und
  2. sich Arbeiter, Handwerker und Mittelständler zusammenschlossen (z.B. in der Friendly Association of Cotton Spinners).

Friendly Association of Cotton Spinners GlasgowDas ist nicht allein aus deren schlechten Lebensbedingungen zu erklären. Die Forderungen erschienen ihnen berechtigt, weil sie glaubten, dass jeder Mensch ein natürliches Recht auf seine Freiheit habe. Deshalb hatte sich jede Regierung erst durch eine gegenseitige Übereinkunft zu legitimeren. Sie konnte sich so nicht mehr auf Gottes Gnade – im Falle des Königs – oder auf Traditionen berufen. Nicht ganz so radikal, aber mit der gleichen Überzeugung demonstrierten viele Menschen in den 1980er Jahren auch in Leipzig – im Gegensatz zur Jahrhunderte alten demokratischen Tradition der Briten aber wesentlich später.

James Wilson, einer der Anführer der Radicals in Glasgow, musste den Aufstand mit seinem Leben bezahlen.

Die Nähe zum Atlantischen Ozean macht die Stadt seit jeher attraktiv für den Handel. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden große Kohle- und Stahlreviere, Schwerindustrie siedelte sich an, auch der Schiffsbau gedieh. Sie brachten der Stadt und einigen Bewohnern Reichtum, den anderen Arbeitsplätze.

1870 wurde allein die Hälfte der britischen Schiffstonnage für das – auf dem Meer so mächtige – Empire in Glasgow produziert.

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Schifffahrt und Seehandel können im Riverside Museum erkundet werden.

Auf der benachbarten grünen Insel gab es außerhalb Belfasts keine Industrie, nur Landwirtschaft. Die Große Hungersnot 1845 (Great Potato Famine) veranlasste Millionen Iren das Land zu verlassen. Der Grund war die Ausbreitung der Kartoffelfäule, die verheerenden Schaden anrichtete, weil die arme Bevölkerung abhängig von der Kartoffel war, die in Monokultur angebaut wurde. Viele Iren wollten in Amerika, in Großbritannien und natürlich in Glasgow ihr Überleben sichern.

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The Emigrants Farewell (1868) Gegangen sind die Jungen und Starken, geblieben sind die Alten und Schwachen.

Die große Zahl an Zuwanderern, die sich zunächst in den Außenbezirken (den Gorbals) ansiedelte, bewirkte auch in dieser Zeit die Herausbildung von Slums. Einst geräumige Wohnungen mussten sich nun ein Dutzend Familien teilen, neue kleinteilige Wohnungen reichten bei Weitem nicht aus. Es gab keine Grünflächen, in den Hinterhöfen sammelte sich der Müll.

Die Wohnbedingungen in Glasgow in der Mitte des 19. Jahrhunderts galten als die schlechtesten in ganz Europa. Cholera und Typhus machten sich breit. Erst nach Protesten reagierte die Stadt 1866 mit dem Abriss und Neubau von Häusern (City Improvement Act).

Die Industrialisierung ließ letztlich aber den Wohlstand der arbeitenden Bevölkerung ansteigen. Die Arbeiter konnten höhere Löhne erstreiten und durch die moderne Produktion wurden Konsumgüter günstiger.

Glasgow: drittgrößte Stadt im britischem Königreich mit 600.000 Einwohnern. Gegründet im 6. Jahrhundert. Die Industrialisierung prägte die Stadt mit ihren Fabriken, den Arbeitervierteln sowie den vielen Parks, Museen und klassizistischen Prachtbauten, die reich gewordene Bürger stifteten.

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Glasgow Central Station (gebaut 1879)

Der aus den Gorbals stammende Thomas Lipton gründete 1871 die erste Einzelhandelskette in Glasgow, später begann er Tee nach Großbritannien zu importieren und begründete damit sein Firmenimperium. Lipton setzte auf niedrige Preise und Werbung, womit er vor allem Arbeiter und die Mittelklasse mit Gütern versorgte, die ihnen bisher verwehrt blieben.

Lipton selbst war Sohn (nord-)irischer Einwanderer, die einen kleinen Shop hatten. Sein persönlicher Erfolg und der seiner Firma sind verknüpft mit der zunehmenden Integration der arbeitenden Massen in die Konsumsphäre, weil auch sie sich nun den Tee leisten konnten, den bisher nur Wohlhabende tranken.

Lipton war einer der ersten, der sein Geld zu Marketingzwecken in den Sport steckte und ihn dadurch förderte. Er suchte sich eine fußballbegeisterte Region, die Bedarf nach einem Fußballereignis hatte, und stiftete so z.B. den Copa Lipton, in dem sich von 1905 bis 1992 die Nationalmannschaften aus Argentinien und Uruguay miteinander maßen.

Zwischen den zwei Weltkriegen wuchs die Stadt erneut und vergrößerte sich um das Doppelte, weil es wegen der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren wieder zu großer Zuwanderung aus Irland und anderen europäischen Ländern – darunter auch viele deutsche Juden – kam. Sie wuchs auf eine Million Einwohner.

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Über 2000 Freiwillige aus Glasgow schlossen sich im spanischen Bürgerkrieg 1936 dem Kampf gegen General Franco an.

Viele Briten waren zunächst gegen den Eintritt Großbritanniens in den Krieg gegen Hitler, weil sie die Folgen des Krieges fürchteten. Als der britische Premier Chamberlain durch den rustikalen Churchill ersetzt wurde, überzeugte er die stolzen Briten, dass ein Kampf für die Unabhängigkeit besser war, als sich zum deutschen Protektorat degradieren zu lassen.

Bekanntermaßen wurde Fußball in Großbritannien erfunden. Weniger bekannt ist jedoch, dass er anfangs ein Gentlemensport war, der der Erziehung von reichen Oberschichtsbengeln dienen sollte. Beim sportlichen Wetteifern sollten sie lernen, sich an Regeln zu halten. Der Wettkampf und die Rivalität der Vereine führte aber letztlich zur Anwerbung immer besserer Spieler, die schließlich bezahlt wurden.

Das wiederum machte den Fußball für Arbeiter attraktiv, die sich einen Nebenerwerb verdienen wollten und für ihre spärliche Freizeit eine sportliche Herausforderung suchten.

Eine detailverliebte Darstellung der Entwicklung des Fußballs findet sich bei 120minuten.

Um die Armut seiner Landsleute in Glasgower East End zu bekämpfen, kam ein irischer Pfarrer 1887 auf die Idee, einen Fußballclub zu gründen. Man einigte sich auf den Namen Celtic FC, um die irischen und schottischen Wurzeln im Namen zu verewigen. Auch die Schreibweise Bhoys, wie sie genannt werden, erinnert an die gälischen Wurzeln . Sie spielten das erste Mal auf im Match gegen die Rangers 1888, das sie 5:2 gewannen.

Seither dominieren die Rangers und Celtic die schottische Premier League, die nur aus zwölf Teams besteht. Die Meisterschaft wird meistens zwischen den beiden ausgetragen – zuletzt gewann der FC Aberdeen im Jahr 1985. Auch im vergangenen Jahr holte Celtic die Meisterschaft mit 9 Punkten Vorsprung vor Aberdeen (die Rangers wurden dritter mit 13 Punkten hinter Celtic).

Der Wohltätigkeit widmet sich heute die Celtic FC Foundation, die gesammeltes Geld an nationale und internationale Wohlfahrtsverbände wie Oxfam spendet.

Zum Europa-Cup-Finale gegen den FC Porto in Lissabon 2003 pilgerten 80.000 Celtic-Anhänger, viele von ihnen ohne Eintrittskarte. Wegen der überwältigenden und sportlichen Unterstützung der eigenen Mannschaft wurden sie dafür sogar mit dem Uefa Fair Play Award ausgezeichnet.

Nachdem allerdings eine Handvoll Fans der Meinung war, dass zu viele Zuschauer nur wegen der Fußballspiele in den Celtic-Park gingen, gründeten sie 2006 die Green Brigade. Lauter, bunter, vor allem politischer sollte es werden. Die Gruppe sorgt sich um die Identität des Vereins, der ihrer Ansicht nach nicht mehr irisch, sprich: provokant genug sei.

Mit aufwendigen Choreografien und politisch-provokanten Aktionen macht die Gruppe immer wieder auf sich aufmerksam und sorgt gewiss auch bei unseren Youngsters für neidische Blicke.

Beliebt ist selbstredend der Bezug zur irischen Unabhängigkeitsbewegung. Gesänge und Sprechchöre der IRA werden nicht nur benutzt, um die Anhänger der Rangers zu ärgern. Diese sind eher protestantisch und unionistisch gesinnt, während Celtic-Fans oft katholisch und irisch-republikanisch gesinnt sind.

Wenn der geneigte Rasenballsportfan in Glasgow auf Menschen trifft, die eine rote Mohnblume am Revers tragen, dann weiß sie oder er, dass die Menschen der gefallenen Soldaten gedenken. Der 11. November ist in Großbritannien der Remembrance Day, in den Wochen davor tragen viele Menschen die Poppy genannte Mohnblume.

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Die Tradition der Poppy entstand nach dem Ersten Weltkrieg. Auf den Schlachtfeldern in Flandern wuchsen nach der verheerenden Zerstörung zunächst Mohnblumen. Das Rot der Blume erinnert an vergossenes Blut.

Einigen Celtic-Anhängern ist dieses Gedenken zuwider, weil sie darin die Verherrlichung von Krieg wittern. Deshalb singen sie munter, dass man sich die Poppy in den Allerwertesten schieben solle, was erwartungsgemäß auch in der eigenen Anhängerschaft für Wirbel sorgte, wie man in diesem Fanforum lesen kann, deren Diskussionen denen in unseren Foren nicht unähnlich sind. Auch beim Spiel gegen RB könnte es zu Aktionen der Poppy-Gegner kommen.

Weil man die Iren seit dem wirtschaftlichen Aufschwung, den ihr Land in der Vergangenheit erfuhr, nicht mehr zu den unterdrückten Völkern zählen kann, musste ein neues Identifikationsobjekt her. Die Green Brigade füllen diese Lücke mit der Solidarität mit den Palästinensern.

Zwar richtet sich der Protest gegen deren Unterdrückung nicht etwa gegen die Hamas, die den Rückzug der Israelis aus dem Gazastreifen 2006 nutzte, um im Bruderkrieg die verhasste Fatah zu vertreiben und alle Ressourcen lieber in den Kampf gegen Israel als in die Versorgung der Bevölkerung zu stecken. Auch die Regierung der Palästinensischen Autonomiebehörde, die seit 2009 regelmäßig Wahlen verspricht, aber ohne demokratische Legitimierung an der Macht ist, sind nicht Ziel ihrer Kritik.

Die Agitation der Green Brigade richtet sich lieber gegen israelische Fußballvereine, wie Hapoel Beer Sheva, die mit einer entsprechenden Choreo von hunderten Palästinenserfahnen in der Champions-League-Qualifikation begrüßt wurden.

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Auch beim Spiel in Leipzig war die überdimensional große Fahne im Gepäck. Offensiv tragen einige Celtic-Anhänger ihre politischen Botschaften ins Stadion, das für sie eine geeignete Bühne darstellt. Unumstritten sind deren Aktionen allerdings nicht. Der Verein muss regelmäßig hohe Strafen zahlen.

Wer mehr als nur das Spiel sehen will, dem seien die vielen Museen in Glasgow ans Herz gelegt. Wie in Großbritannien üblich, gibt es freien Eintritt. Allen Technikfreaks ist besonders das Riverside Museum zu empfehlen. Die meisten Ausstellungsstücke sind zum Anfassen und Begehen. Die Kelvingrove Art Gallery stellt neben der sehenswerten Dauerausstellung aktuell Kunstwerke zum Gedenken an 100 Jahre Erster Weltkrieg aus.

Eine Übersicht der meist kostenlosen Museen: https://www.glasgowlife.org.uk/museums

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Foyer der Kelvongrove Art Gallery
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