Stierkampf in Salzburg

Das Spiel

Aufregung herrschte vor der Fahrt an den Ort, wo alles begann, wo Red Bull in den Fußball einstieg und zum ersten Mal rote Bullen aufliefen. Dass man das „Derby“ gegen den Bruderverein als etwas Besonderes erachtet, zeigen die 2.500 mitgereisten Rasenballanhänger.

Von außen wirkt sie ja eher wie ein Baugerüst, die Red-Bull-Arena
Das Banner der Salzburger Fans zur Begrüßung bekundete eine gewisse Animosität zur Leipziger Filialie. Wie es sich für ein „Derby“ gehört.

Nicht nur die Jahreszahl wirkt merkwürdig. Obwohl Salzburger Fußballfans auch schon zu Austria Salzburg gingen, ist der FC RedBull Salzburg nicht nur äußerlich völlig neu gestaltet. Dass derVorgängerverein zufällig in dem Jahr gegründet wurde, in dem Hindenburg den Anstreicher Hitler zum Reichskanzler ernannte, dafür können sie ja nichts.

Stolz, Ehre und Leidenschaft reklamierten sicher auch unsere Anhänger für sich, die den roten Rauchtopf vor Beginn zündeten. Weshalb manche Salzburger glauben, ihren Verein verteidigen zu müssen, obwohl dieser sehr selbstbewusst und erfolgreich auftritt, hat mit der merkwürdigen Logik Ultra-affiner Fußballfans zu tun. Dazu weiter unten mehr.

Nicht alle halten sich daran, dass Feuerwerk erst an Silvester erlaubt ist. 

Wenn man kein Feindbild hat, bastelt man sich eines. So wie sich manch ein Rasenballfan immer noch von Davie Selke provoziert fühlt, tun sich manche Salzburger mit Ralf Rangnicks Transferpolitik schwer, der ihnen einst Bernardo wegnahm.

Obwohl sich die Mannschaft in einer schönen Geste vorher noch auf das Spiel einschwor, war Salzburg überlegen und gewann verdient mit 1:0. Während der ersten 25 Minuten kam man gleich gar nicht aus der eigenen Hälfte heraus.

Die Leipziger bilden vor dem Anstoß nochmal einen Mannschaftskreis.

Es besserte sich dann zwar, Torgefahr entstand aber nur einmal als Timo Werner mit etwas Glück Ramalho abschütteln kann und den Ball knapp neben das Tor platzierte. Er hätte noch für die einlaufenden Cunha oder Augustin ablegen können, aber bei deren Leistung im Spiel entschied er sich lieber für einen Alleingang.

Neben Rangnick haben die Salzburger auch Sportdirektor Christoph Freund viel zu verdanken.

Insbesondere bei Augustin, Cunha und Mukiele hatte man das Gefühl, dass sie geistig nicht richtig anwesend waren. Augustin und Cunha schlenderten den Bällen hinterher, Mukiele mit vielen Fehlpässen und auf der rechten Seite auf verlorenem Posten. Passend zu seinen Leistungen war, dass er nach der Auswechslung ohne Handschlag mit dem Trainer in die Kabine spurtete.

Mächtig viel zu lesen für die Zuschauer.

Wenn mal ein Leipziger den Ball hatte, liefen die Salzburger ihn sofort im Schwarm an. Meistens war der Ball dann schell wieder weg. So konnten auch Mukiele auf der rechten und Saracchi auf der linken Seite keine guten Flanken oder Pässe in Richtung Strafraum bringen, da sie dort meistens sehr schnell bedrängt wurden. Die Taktik sah es anscheinend nicht vor, dass die beiden Flügelspieler bei Ballführung mal hinterlaufen und unterstützt werden, so dass etwas mehr Dynamik und bessere Hereingaben möglich wären.

Ball nach vorne kloppen und dann draufgehen ging leider nicht auf.

Die Salzburger Außenverteidiger, die nach vorne drängten, wurden hingegen nicht sofort angelaufen. So entstanden zwei ähnliche Situationen nur kurz nacheinander, in denen Ulmer den Ball in den Rückraum passen konnte. Kam man bei der ersten noch glücklich davon, fiel bei der zweiten das Tor.

Nach dem Tor versuchten die Leipziger nochmal Druck aufzubauen. Aber echte Torgefahr entwickelte sich kaum, weil es ein heilloses Durcheinander war. Als Timo Werner nach langem Einwurf und Ablage von Poulsen den Ball an der Strafraumgrenze an den Fuß bekam und gut aufs Tor brachte, hielt ihn der Salzburger Keeper glänzend. Sein Ärger darüber führte dann zu der Reaktion, die einige Leipziger ihm nachmachten.

Wenn ansonsten die Stimmung angespannt ist, zumindest die sich warm haltenden Ersatzspieler kommen miteinander aus.

Gut anzusehen war jedoch, wie sich Konny Laimer ins Zeug legte und mit großen Sprüngen dem Ball nachjagte. Gegen seinen Ex-Klub so bissig aufzuspielen, nötigt Respekt ab. Auch Willi Orban machte eine gute Partie, was uns besonders freut, da er für die Mannschaft und Fans gleichermaßen wichtig ist.

Ein bisschen witzig war die letzte Tapete schon.

Aus sportlicher Sicht ist es wirklich sehr schade, dass Ralf Rangnick der Europa League nur wenig Bedeutung zuerkennt. Mit viel Wohlwollen könnte man seine Worte auf der anschließenden Pressekonferenz auch dem Frust über die Niederlage zuschreiben. Dass der Fokus auf der Liga liege und man wegen der Ausfälle eine Formation auf den Platz schickte, die so noch nie zusammengespielt habe. So sparen Fans zwar Geld, aber die Europa-League-Spiele geben die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln, sich international bekannt zu machen und gegen unbekannte Gegner zu spielen. Außerdem sind sie ja wirklich ein hübscher Anlass, sich europäische Städte anzuschauen.

„Das Pressingmassaker“, Zeichnung von Francisco de Goya (1746-1828) im Salzburger Museum der Moderne

Die Stadt im Salzkammergut

Gerade die von einem Bischof im 8. Jahrhundert gegründete Stadt Salzburg ist sehr sehenswert. Umsäumt von schroffen Felshängen liegt die Stadt unmittelbar unter dem schützenden Auge der Hohensalzburg. Die ansehnliche Festung wurde im 15. Jahrhundert zur Bischofsresidenz und Wehrburg ausgebaut.

Regiert haben in Salzburgfast nur Bischöfe. Man kann sich vorstellen, dass diese Bischöfe keine fürsorglichen Gemeindehirten, sondern energische Machtmenschen waren. Salzburg war lange ein unabhängiges erzbischöfliches Fürstentum. Napoleon übergab es 1809 an Bayern. Nachdem Napoleon besiegt war, gliederte man Salzburg an das Kaiserliche Österreich an.

Ansehnlich ist Salzburg unter anderem deswegen, weil die Bischöfe zwar absolutistische Herrscher waren, aber auch das Ansehen der Kirche mithilfe von Kunst und Architektur mehren wollten.

Verspielte Skulpturen im barocken Garten am Schloss Mirabell.

Sie gaben viel Geld für barocke Prachtbauten, Kirchen und Paläste aus: größer, breiter, höher. Mit viel verspielter Ornamentik, eindrucksvoller Architektur und verschnörkeltem Stuck beeindruckten sie damals die Bevölkerung und heute Touristen.

Himmelwärts streben die Ornamente im Salzburger Dom.

Barocke Kunst hat den Vorteil, dass man in den Bildern sehr viel entdecken kann. Lust und Verführung spielen genauso eine Rolle wie Belehrung und Bibelkunde. Üppige Formen sind lustvoll dargestellt. Die Verführung des Menschen durch das Laster ist allgegenwärtig. Damit ist zugleich dem Verfall und der Vergänglichkeit des Irdischen erinnert.

Barbusig ist nicht nur die Göttin der Künste Minerva. Deckengemälde in der Domgalerie.

Als im Zuge der Reformation die Lutheraner auf den Plan traten, wollten sie alles Pompöse und Verschnörkelte aus ihren Kirchen verbannen, damit die Gläubigen nicht vom Wesentlichen abgelenkt werden. Die Bischöfe hielten mit noch mehr Prunk dagegen. In Salzburg zusätzlich noch mit der Verbannung von 20.000 Protestanten im Jahr 1732.

Wenn man sich vor Augen führt, dass die Menschen damals noch keine Hochhäuser und Technikwunderwerke wie wir heute kannten, dann kann man erahnen, wie überaus imposant die Kirchen und Dome wirkten. Sie waren der in Stein gehauene Herrschaftsanspruch der Kirche.

Der Salzburger Dom.

Eine der liebenswertesten Eigenschaften der Österreicher ist ihre Gemütlichkeit. Dem Genuss gibt man sich gerne hin. Sachertorte oder Schokoladenmousse mit Krokant und Marzipan (die andere Mozartkugel) sind himmlisch verführerisch. In den Kaffeehäusern werden die wirklich wichtigen Dinge im Leben besprochen und genossen.

Nirgends lässt sich besser dem Laster der Völlerei frönen als in den Salzburger Wirtshäusern. Nicht annähernd so einladend sind die großen Hallen der Münchner Brauhäuser wie die holzvertäfelten und gemütlich eingerichteten Bierstuben in Salzburg. Hier wird dem vegetarischen Verzichtsethos der Garaus gemacht wie dem Rind beim Schlachter.

Feinste Bewirtung im Gasthaus Der fidele Affe

Speckknödel, faschierte Fleischerl oder Schweinebraten lassen sich am besten mit einem Zipfer Märzen oder Trumer Pils genießen. Ein Zirbenschnaps rundet das Mahl ab. Freilich steht es sich auf einem Bein schlecht.

Der sagenhafte Zirbenschnaps

Jede noch so schöne Reise findet irgendwann ihr Ende. Belohnt wurde der reisende Rasenballfan am Samstag von herrlichem Sonnenschein, der sich den Weg durch die Wolken bahnte.

Salzburger Christkindlmarkt auf dem Residenzplatz.

Die Rückfahrt muss angetreten werden, weil bereits am Tag des Herrn die nächste Aufgabe in der Liga wartet. Da bleibt zu hoffen, dass die Rasenballer das Ruhetagsgebot nicht ernst nehmen. Schließlich ist die Ruhe erst nach getaner Arbeit verdient, womit man auch die Protestanten wieder versöhnt hätte.

Gerade Fluchten, breite Wege im barocken Lustgarten Mirabell.

Während es auf der Hinfahrt bei der Deutschen Bahn das übliche Chaos mit Verspätung und Zugausfall gab, kam auf der Rückreise der Railjet der ÖBB aus Salzburg sogar drei Minuten früher in München an. Nicht nur im Fußball läuft es bei den Ösis besser.

Getrübte Erinnerung

Salzburg wird ein Trip zum Erinnern bleiben. Allerdings trüben nicht nur die Niederlage und das allzu leichte Abschenken der Europa League leider die Erinnerung. Es rumort mächtig im Rasenballuniversum. Das zweite Mal gab es einen Rauchtopf im Gästeblock. Das erste Mal in Hoffenheim, nun Salzburg.

Einige fühlten sich sogar von der bloßen Anwesenheit der zwar zahlreichen, aber entspannten Polizisten rund um das Stadion und beim Fanmarsch provoziert. Dass man ausfällig oder gar handgreiflich gegen Polizisten wird, durfte man ja schon in Berlin in der vergangenen Saison erleben.

Es gab einige Anhänger, die mehr mit dem Herausstrecken ihres Mittelfingers in Richtung Salzburger Fans beschäftigt schienen als mit dem Geschehen auf dem Platz. Unsere Ultras wollen zwar keine sein, benehmen sich aber zunehmend wie solche.

Man muss allerdings berücksichtigen, dass es auch beim Ultra-affinen Teil unserer Anhänger mehrere Gruppen gibt, die nicht in allem übereinstimmen.

Die Red Aces und die Rasenballisten vertreten als eher linke Gruppen eine Haltung, die ihrer Meinung nach rechtsgesinnte Leute zwar ablehnt und sich als subversiv vorstellt. Aber ihre auf Außenwirkung bedachte Haltung verbietet es eigentlich, die Anhängerschaft zu spalten. Die Zone147 dagegen verstehen sich mehr als echte Ultras.

Im Selbstverständnis von Ultragruppen geht es nicht vorrangig darum, den Verein zu unterstützen, sondern die eigene Gruppe dazustellen. Das Ziel ist es, die anderen Anhänger zu beeindrucken und zu zeigen, wie aktiv die Gruppe ist. Ihnen ist es egal, was andere über sie denken.

Ob das noch der Anspruch ist?

Das ganze Verhalten ist selbstbezüglich. Das belegen die Banner, die am Zaun aufzuhängen oder zu schwenken das Wichtigste ist, auch wenn sie anderen die Sicht versperren. Die Zaunfahne ist für Ultragruppen das heiligste, was sie haben. Verlieren sie diese, dann haben sich manche Gruppen schon aufgelöst.

Da sich Ultras als Avantgarde verstehen, ist es ihnen auch egal, was die Anhängerschaft des eigenen Vereins von ihnen denkt. Ihre Aktionen würden sie auch gegen den Willen anderer Fans durchsetzen. Das kann man an ihren Reaktionen erkennen, wenn sie wie in Wolfsburg gebeten werden, das Banner tiefer zu hängen, weil sonst die vorderen vier Reihen durch die Sichtbehinderung nicht mehr nutzbar sind und der Block brechend voll war.

Markige Sprüche und verbale Schmähungen gibt es häufig im Fußball – dem Eindruck nach leider auch vermehrt bei uns. Wenn man beispielsweise erklärt „Alles für den Rasenballsport“ zu geben, dann offenbart das eine Eindimensionalität des eigenen Lebens, die sich oft in Aggressivität entladen kann. Die Vernunft kann so nicht regulierend auf triebhafte Aggressionsausbrüche einwirken, weil sich das Ego kaum an anderen Ereignissen abarbeiten oder gar reifen könnte.

Im „Bullenrevier“ nur wir? Der Aufkleberwettkampf ist eröffnet.

Im Rasenballungszentrum gab es die entsprechende Ankündigung, gegen die Freunde des farbigen Rauchwerks vorzugehen. Eine Gruppe „Ausgesperrte mit uns“ befindet sich wahrscheinlich schon in Gründung.

Man kann ja schwerlich davon ausgehen, dass bei mehreren tausend Fans nur gescheite Menschen dabei sind. Jeder kann aber etwas dafür tun, dass das Rasenballuniversum ein Ort bleibt, an dem sich viele wohl fühlen, weil man miteinander ohne Aggressionen verkehrt und Provokationen anderer Fans auch mal weglächeln kann oder ihnen mit ironischen Sprüchen begegnet. Der Witz bekundet, dass man zwischen sich und der Provokation einen Keil der Vernunft einzuschieben vermag.

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