Der Teufel

In und um den noch jungen Rasenballsportverein aus Leipzig gibt es viele Diskussionen.

Aus sportlicher und politischer Sicht ist dieser Verein etwas ganz Besonderes. Als dieses Raumschiff, angestoßen mit Mitteln eines teuflischen Marketingunternehmens im Jahre 2009 hier landete, bedeutete das für die Bewohner der Stadt die Möglichkeit, endlich einen neuen Fußballverein abseits der eingelaufenen Trampelpfade zu erhalten. Für uns ist es großartig, die Entwicklung dieses Vereins und seines Publikums in unserer Wahlheimat Leipzig miterleben zu dürfen.

In Schrift, Bild und Tat bringen wir uns mit großer Begeisterung darin ein.

„Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ (Mephistopheles)

Warum der Teufel?

Der Teufel ist Sinnbild und Personifikation für das Böse, das Zersetzende und Niederträchtige, das Unbewusste und das Triebhafte, das Animalische und die blindwütige Kraft. Jede Religion besitzt ihren Teufel und die Rituale, um ihn zu bannen. Das ist ein Hinweis darauf, dass die genannten Eigenschaften zum Leben ebenso dazu gehören, wie der Versuch, sie zu bekämpfen – und es scheint, je rigoroser der Versuch ihn zu bekämpfen, desto erfolgloser.

Ich hoffe, Sie haben nichts gegen die Bosheit, Ingenieur? In meinen Augen ist sie die glänzendste Waffe der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit.

Settembrini zu Hans Castorp in Thomas Manns Zauberberg

Was hat das mit Fußball zu tun?

Im Sport im Allgemeinen und im Rasenball im Besonderen zählen Kraft, Willen und Kampfgeist. Damit sind eben jene Eigenschaften des Menschen, die seiner triebhaften und animalischen Natur entspringen, gefordert. Das Spiel selbst folgt gemeinsamen, verbindlichen Regeln. Kein Spiel gewinnt man ohne Überlegung, Technik und Taktik, die sich erlernen und entwickeln lassen.

„Das Ballspiel dürfte – von der Gegenwart abgesehen – überhaupt im Mittelalter seine größte Glanzperiode gehabt haben. Auf dem Lande beteiligten sich allmählich ganze Einwohnerschaften an den Kampfspielen. Das „Tor“, das der Ball noch heute passieren muß, war damals ein wirkliches, das Stadttor. Daß es bei diesen Dorfwettkämpfen nicht sanft zuging, sondern Ausschreitungen aller Art und gefährliche Massenraufereien als selbstverständlich galten, ist leicht begreiflich.“

Willi Meisl zur Geschichte des Rasenballsports in „ABC des Fußballs“

Im Fußball wird die animalische Natur des Menschen aufgenommen und mit Rationalität und Ordnung im Sinne der Regeln verbunden. Diese Dialektik zeichnet den Sport aus, der ohne taktische Finessen und technischem Können sowie individuellem Kampfgeist und Kraft langweilig und ziellos wäre. Chaos durch Ordnung gebannt und vereint.

„Ähnlich wie bei den Virtuosen der Kunst liegt die Sache bei den Virtuosen des Sports, auch beim Klassefußballer.“

Willi Meisl: ABC des Fußballs

Auf diese Weise entsteht diese besondere Kultur. Sie ist bekanntermaßen attraktiv, denn sie zieht viele Menschen in ihren Bann. Sie ist aber auch fragil. Die Gewaltausbrüche, Regelüberschreitungen und blinde Identifikation mit größeren, quasi religiös geweihten Gruppen wie dem Verein oder der Ultragruppe bezeugen dies anschaulich.